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Im Limmattal findet Stadt statt

Bild von Dr. Markus Notter

Dr. Markus Notter

Markus Notter ist in Dietikon aufgewachsen, war 1990 bis 1996 dort Stadtpräsident, danach bis 2011 Regierungsrat des Kantons Zürich. Heute ist er für diverse Organisationen strategisch tätig und Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.

Wir müssen unseren Blick für die Gegenwart schärfen.

Wer sich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Gesellschaft und Wirtschaft vor Augen führt, kommt zu einem einfachen Schluss. Die Veränderungen sind weitreichend, gewichtig und unumkehrbar. Es gibt fast niemanden mehr, der nicht mit IT-Mitteln arbeitet, kommuniziert, plant, ausführt. Wir sind buchstäblich weltweit vernetzt: world wide web ist Wirklichkeit geworden. Es sind Grenzen gesprengt worden. Online stehen Dienstleistungen und Waren zur Verfügung wie noch nie. Das ist Segen und Fluch zugleich. Veränderung schafft immer auch Verunsicherung.

Und wenn wir auf unsere staatlichen Strukturen schauen? Da sehen wir eine erstaunliche Stabilität. Wir denken Dietikon immer noch in den Grenzen von 1803. Unsere Bergdietiker Nachbarn nehmen wir als Fremdlinge war, die mit ihren Autos „unsere“ Strassen verstopfen. Die Grenze war aber schon 1803 unsinnig und wohl ein Versehen der napoleonischen Mediation. Die Bergdietiker sind Dietiker wie die Bewohnerinnen und Bewohner der anderen Quartiere auch. Nur verhinderte die Grenze eine besser abgestimmte Planung und Entwicklung.

Wir schauen mit der Brille des 19. Jahrhunderts auf unsere Gegenwart. Das führt unweigerlich zu einem unscharfen Bild. Natürlich nehmen wir die Veränderungen in vielerlei Hinsicht wahr. Aber wir denken dabei immer in den alten Grenzen. Dabei stellen wir fest, was nicht mehr ist oder nicht mehr so ist, wie wir es kannten. Wir erkennen aber mit diesen Brillengläsern aus dem 19 Jahrhundert schlecht, was neu geworden ist und wie es neu zusammenhängt.

Das Limmattal kann sich nur in Richtung Stadt entwickeln.

Wir realisieren zu wenig, dass unser Limmattal nicht mehr durch die politischen Grenzen des 19. Jahrhunderts strukturiert wird, sondern durch die funktionalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts. Es gibt keine eigenständigen Dörfer mehr. Die Siedlungs- und Arbeitsplatzgebiete sind miteinander verflochten. Der erste Anstoss kam schon Ende des 19. Jahrhunderts von der Eisenbahn, gefolgt dann vom Strassenbau, der in den Autobahnen gipfelte. So wurden wir Agglomeration. Der Raum der Ambivalenz par excellence. Weder Land noch Stadt.

Die Verdichtung ist aber weiter fortgeschritten. Das Limmattal kann sich nur in Richtung Stadt entwickeln. Es gibt keinen Weg zurück ins Dorf. Deshalb braucht es auch eine städtische Verkehrsinfrastruktur. Ein „Mittelverteiler“, wie die Planer sagen. Ein Tram eben. Der Widerstand gegen die Limmattalbahn ist der vergebliche Kampf um das verlorene Dorf. Wir müssen im Limmattal ein städtisches Profil entwickeln und uns als Teil des Zürcher Metropolitanraumes verstehen. Nur so können wir die Entwicklung in unserem Interesse gestalten.

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Dr. Markus Notter

Markus Notter ist in Dietikon aufgewachsen, war 1990 bis 1996 dort Stadtpräsident, danach bis 2011 Regierungsrat des Kantons Zürich. Heute ist er für diverse Organisationen strategisch tätig und Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.