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Vom Tal zur Stadtlandschaft

Landkarten: swisstopo

Text: Balz Halter, VRP und Initiatiant der Limmatstadt AG

Drei Landkarten von swisstopo aus den Jahren 1960, 1990 und 2018 laden ein zu einer Zeitreise und der Frage, wie wohl die Karte von 2050 ausschauen könnte.

Ein Blick auf die Landkarten zeigt, welche dynamische Entwicklung das Limmattal innert nur weniger Dekaden genommen hat. Taucht man ein in spezifische Orte, eröffnen sich unzählige Geschichten und Erkenntnisse. Die Zeitreise lädt ein, vorauszublicken und sich vorzustellen, wie die Karte in weiteren dreissig Jahren aussehen könnte, welche Faktoren die Entwicklung prägen dürften und wo wir als Gesellschaft Einfluss nehmen sollten, um unsere Region – die Limmatstadt – in eine nachhaltige Zukunft zu führen.

Karte Limmattal 1960 swisstopo
1960: Prägende Elemente der Infrastruktur- und Siedlungsentwicklung im Limmattal stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wie Eisenbahn, Limmat-Korrektur und erste Industrien.

Spuren der Jahrhundertwende

Wesentliche Elemente auf unserem Ausschnitt des Limmattals von 1960 stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Bestimmend beispielsweise das Trassee der ersten Eisenbahnlinie der Schweiz, der 1846 von der Schweizerischen Nordbahn gebauten Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden. Oder die bedeutenden Limmatkorrekturen im Abschnitt Schlieren–Dietikon, die bis 1912 andauerten. Unverkennbar auch die Zeichen industrieller Erfolgsgeschichten im Limmattal – in Baden: Brown, Boveri & Cie.; im Industriequartier Zürich: Escher Wyss, Maag-Zahnräder und Schoeller & Söhne; in Schlieren: neben der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik, Ed. Geistlich und Söhne, das Aluminium-Schweisswerk und die Färberei AG. Im Zuge wachsender Industrien entstanden Arbeitersiedlungen und Fabrikantenvillen in Baden, Wettingen, Schlieren und Zürich, stellvertretend hier die Bernoulli-Häuser an der Limmat. Andere Zeugen sind bereits wieder verschwunden. 1900 nahm die Limmattal-Strassenbahn den Betrieb von Zürich (Letzigraben) bis Dietikon und von Schlieren bis Weiningen auf. 1931 erfolgte die erste Umstellung auf den Bus. In der Folge fuhr das «Lisbethli» als Tram Nr. 2 nur noch nach Schlieren – bis 1956.

Die ursprünglich in Zürich aus Kohle betriebene Gasproduktion wurde 1898 nach Schlieren verlegt. 1909 fand im Gaswerk der 4. Internationale Gordon-Bennett-Ballonfahrwettbewerb statt. Das Ballongas stammte aus den grossen Teleskopgasbehältern, von denen einzig noch Gasometer Nr. 1 auf allen Karten zu finden ist. Die Luftfahrttradition setzte sich ab 1917 mit dem Flugplatz in Spreitenbach fort, wo 1919 die SWS C-1, ein von der Wagi-Schlieren gebauter Doppeldecker, zum Erstfl ug abhob. Leider sind Motor- und Segelflugpiste auf der Karte nicht zu erkennen, wären aber südlich der Gleisbiegung zwischen Dietikon und Spreitenbach zu finden. Der Flugbetrieb wurde 1969 eingestellt.

Ungestümes Wachstum

War das Wachstum in den Kriegs- und Nachkriegsjahren bescheiden, so schlug sich ab 1960 der grosse Wirtschaftsaufschwung spürbar in der Siedlungsentwicklung nieder, zu erkennen an bedeutenden Infrastrukturbauten. In Baden entstand bis 1961 der Eisenbahntunnel durch den Kreuzliberg, der den Weg frei machte für den Umbau des Badener Schlossbergtunnels. Dieser eigens für die Spanisch-Brötli-Bahn gebaute Eisenbahntunnel wurde umgestaltet und 1965 dem Strassenverkehr übergeben. 1962 konnte die Europabrücke vollendet werden. Es dauerte weitere acht Jahre, bis die ersten Autos auf der Nationalstrasse N1 unter ihr durchfuhren. Zwei Jahre später überspannte der «Fressbalken» von Würenlos – das weltweit grösste Autobahnbrückenrestaurant – den Autobahnabschnitt, der zur höchstfrequentierten Stelle im Nationalstrassennetz werden sollte. In Spreitenbach setzte eine dynamische Wohnbautätigkeit ein, mitunter als Folge des Konkubinatsverbots in Zürich, welches unverheiratete Paare in den Aargau trieb. Als Satellitenstadt gedacht, entstanden im Zuge einer umfassenden Planung mehrere Hochhäuser und 1970 das erste Shoppingcenter der Schweiz, welchem 1974 das Tivoli folgte. In Zürich musste 1971 das Fussballstadion Förrlibuck, Heimstätte des Nati-A-Clubs Young Fellows Zürich, dem Hardturm-Eisenbahnviadukt weichen – wodurch auch Platz geschaffen wurde für die Toni-Molkerei, die heutige Hochschule der Künste. Die Bedeutung der Eisenbahn als Verkehrsträger manifestierte sich auch im Bau des Rangierbahnhofs Mitte der 1970er-Jahre.

Das ungezügelte Wachstum wirkte sich auf Dörfer und Gemeinden aus, die als Folge der einsetzenden Raum- und Siedlungsplanung grosse Baugebiete einzonten. So begannen auch wichtige Arbeitsplatzgebiete wie Dietikon-Silbern, Spreitenbach- Nord und -West sowie Urdorf-Nord zu wachsen. Dem starken Bevölkerungszuwachs geschuldet, entstand 1970 das Spital Limmattal, dem 1978 das Kantonsspital Baden folgte.

Karte Limmattal 1990 swisstopo
1990: Die Schaffung von Bau- und Zonenordnungen im Zuge der eidgenössischen Raumplanung hat zur Ausdehnung des Siedlungsgebietes mit grossen Wohn- und Arbeitsplatzgebieten geführt.

Niedergang der Industrie

Das Limmattal hatte aufgrund seiner bevorzugten Lage und schon vorhandener industrieller Strukturen in grossem Mass vom Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit profitieren können. Umso härter wurde es von der Deindustrialisierung getroffen. Sie war die Folge einer wieder einsetzenden Globalisierung, befeuert von Handelsverträgen wie GATT, dem Zusammenbruch des Bretton- Woods-Systems fixer Wechselkurse 1973, rasanten technischen Entwicklungen sowie dem Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft. Hatte der Welthandel während der Weltkriege einen Dämpfer erlitten, beschleunigte er sich in den 80er-Jahren. Traditionsreiche Industrieunternehmen kamen unter Druck, mussten restrukturieren oder aufgeben. Der Schweiz gelang die wirtschaftliche Transformation vom Sekundär- zum Tertiärsektor, wobei Dienstleistungsarbeitsplätze in erster Linie in den Wirtschaftszentren entstanden. Der enorme Zuzug entsprechender Arbeitskräfte, verbunden mit der Verdrängung von Wohnungen in den Kernstädten, führte zu ausserordentlichem Wachstum in den Agglomerationswohnzonen wie dem Limmattal. Nun mussten Infrastrukturen nachziehen wie das Postzentrum Mülligen, der Gubristtunnel 1985 und die Westumfahrung, die allerdings wegen Rekursen erst im Jahr 2009 eröffnet wurde. Zu beobachten ist auch die Ausdehnung von grossen Detailhandelsflächen in Dietikon und Spreitenbach. Ein Blick auf die Karte von 1990 zeigt, dass sich der Siedlungsteppich ausgedehnt hatte und viele Gemeinden zusammengewachsen waren.

Verdichtung und Transformation

Die durch die Immobilienkrise verursachte Wirtschaftsflaute in den 1990er-Jahren wandelte sich in ein über zwei Dekaden anhaltendes, kräftiges Wachstum – genährt von sinkenden Kapitalmarktzinsen und der Personenfreizügigkeit mit der EU. Augenfällig ist, wie sich bis 2018 die Bauzonen füllten und die letzten Landflächen ausgenutzt wurden. Der Trend, frei gewordene Industriebrachen in urbane Mischgebiete zu wandeln, setzte nach der 1988 erfolgten Fusion von BBC und Asea zur ABB in Baden ein, während sich in Zürich das Industriequartier in das trendige Zürich-West wandelte. Grosse Transformationen in Schlieren, Dietikon und Spreitenbach folgten.

Karte Limmattal 2018 swisstopo
2018: In den Boomjahren der vergangenen zwei Dekaden wurden die vorhandenen Bauzonen weitgehend gefüllt, und die Verdichtung setzte insbesondere in den grösseren Zentren im Talboden ein.

Reise in die Zukunft

Nun stellt sich die Frage, wie die weitere Entwicklung unter der unzweifelhaften Prämisse des anhaltenden Siedlungsdrucks in einer der besterschlossenen Regionen der Schweiz aussehen wird. «Verdichtung» ist zwar Maxime, nicht aber ausreichende Antwort. Versetzen wir uns dafür ins Jahr 2050 und werfen einen imaginären Blick auf die Karte des Limmattals: Zentren, die bereits 2020 in Konturen erkennbar waren, haben sich zu attraktiven Stadträumen verdichtet. Sie sind verbunden durch das Limmat-Tram, das mittlerweile zwei Linien besitzt und beide Talseiten vernetzt. Das konzentrierte Wachstum in den neuen urbanen Schwerpunkten im Talboden hat dazu geführt, dass die Landschaft, die dörflichen Strukturen und hochwertige Wohngebiete an den Talfl anken geschont wurden. Um die attraktiven öffentlichen Räume, Strassen und Plätze sind Stadtkonturen entstanden mit der hohen Dichte und Intensität, die städtisches Leben pulsieren lassen und Detailhandel, Dienstleistern, Kultur- und Freizeitangeboten die Existenzgrundlage bieten. Naturschutz- und Naherholungsgebiete konnten bewahrt werden. Ergänzend dazu sind Uferpromenaden und Stadtparks entstanden, die zum Flanieren und Verweilen einladen. Das Limmattal hat sich gewandelt von der Agglomeration zur Stadt – der Limmatstadt.


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Dieser Artikel ist Teil der Mai-Ausgabe 2020 des «36 km» - das Magazin für die Limmatstadt!