Titelbild des Artikel: Macht den Rangierbahnhof zum Museum!

Macht den Rangierbahnhof zum Museum!

Foto: Thomas Pfann

Der Rangierbahnhof als Swissminiatur, ohne Miniature, dafür mit grossen Aufregern.

Er ist ein endloses Feld von Stahlgeleisen, der Rangierbahnhof Limmattal, scheinbar leer. Immer wieder gibt es Gerüchte, die SBB würden ihn bald schliessen. Zuletzt versicherten die Bundesbahnen, das werde nicht passieren. Was aber, wenn sie schon längst hinter verschlossener Tür Pläne schmieden über die Zukunft des gigantischen Areals? An attraktivster Lage eine Fläche von hundert Fussballfeldern plötzlich rentabel nutzen zu können, das lässt die Hunderter-Nötli in den Augen der profitorientierten SBB-Teppichetage aufblitzen.

Viel Geld für die SBB, wenig Nutzen für die Einwohner

Was entstehen würde, ist schon jetzt klar: ein weiteres Prestigeprojekt à la Europaallee. In der Medienmitteilung heisst es dann: «An optimal erschlossener, attraktiver Zentrumslage stehen hier grosse zusammenhängende und neu erstellte Flächen zur Verfügung. Ein wesentlicher Vorteil für Unternehmen, die einen repräsentativen Firmensitz suchen, und gleichzeitig eine zukunftsweisende Aufwertung des Wirtschaftsstandortes Limmattal.» Ich gebe es zu: Diesen Satz habe ich aus einer Medienmitteilung der SBB vom Juni 2008 kopiert mit dem Titel «Ein neues Business-Quartier entsteht». Ich kann mir nichts Asozialeres vorstellen als «ein neues Business-Quartier». Gestresste Menschen in schicken Kleidern, die tagsüber schuften und das Quartier leer hinterlassen. Viel Geld für die SBB, wenig Nutzen für die Einwohner. Das geht besser. Renaturieren könnte man das Gleisfeld zum Beispiel. Central Park, aber eher als pflegeleichter Naturgarten. Damit etwas Kohle reinkommt, können die SBB auch einen Biergarten, einen Glacéstand und eine Pedalovermietung auf dem Weiher betreiben. Oder sie funktionieren das Feld in einer Kooperation mit der Umweltarena zum weltweit ersten Flughafen für Elektroflugzeuge um. Weniger Fluglärm, mehr Innovation, und das Limmattal wäre international erschlossen. Die Ansprache hält Bertrand Piccard.

Museum des öffentlichen Ärgernisses

Eine weniger utopische Idee wäre ein Museum des öffentlichen Ärgernisses. Ausgestellt sind Bauprojekte, die für Aufsehen und Ärger gesorgt haben, im Massstab 1:1. Der Zürcher Hafenkran ist dort umringt von Veloautobahnen zum Beispiel. Oder jeder je in Zürich aufgehobene Parkplatz, inklusive grabsteinähnliches Täfeli mit den Eckdaten. In einer Ecke könnte man auf einer Rundbahn mit 50 km/h seine Runden durch imaginäre Wohnquartiere drehen, eine Hommage an all die abgebauten 50er-Zonen des Limmattals. Mittendrin stünde das neue Fussballstadion. Das wäre kein Museumsobjekt, sondern würde effektiv genutzt. Nicht gebaute Sozialwohnungen stünden neben verhinderten Terrassenhäusern. Tiefgaragen würden durch gescheiterte Tunnelprojekte verbunden. Natürlich würde die Limmattalbahn einen kurzen Umweg machen. An der Haltestelle «Museum des öffentlichen Ärgernisses» ist sie sowohl Transportmittel als auch Ausstellungsobjekt.


Diese Kolumne ist Teil der November-Ausgabe 2020 des «36 km» - das Magazin für die Limmatstadt!

Bild von Simon Balissat

Simon Balissat

Journalist und Moderator

Bild von Simon Balissat

Simon Balissat

Journalist und Moderator