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Pionierregion, nicht Problemzone

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Hans Fahrländer

Hans Fahrländer war Chefredaktor von "Badener Tagblatt" und "Aargauer Zeitung". Seit 2015 ist er pensioniert, schreibt aber noch Kolumnen für die AZ und die "Schweiz am Wochenende".

Ich bin an der Aare geboren, in Aarau. Doch seit bald 40 Jahren lebe ich in Baden, der drittgrössten Stadt an der Limmat. Also bin ich eigentlich ein Limmattaler. Komisch, das habe ich bisher irgendwie nicht so wahrgenommen. Ich bin Aar-gauer, Badener. Limmattaler, das waren für mich andere. Schlieremer, Dietiker, Spreitenbacher. Überdies Leute mit Problemen, vor allem Image-Problemen. Bandstadt, Siedlungsbrei, Verkehrsüberflutung – Agglo halt.

Was ich schon in der Schule, als ich Aargauer Flüsse lernen musste, nie ganz gekopft habe: Warum ist einer der grössten Flüsse des Landes nur 36 Kilometer kurz? Warum braucht die Linth nach dem Zürichsee einen neuen Namen? Die Aare fliesst durch drei Seen und heisst in Aarau immer noch Aare. Entspringt mein Fluss jetzt am Tödi oder am Bellevue?

In letzter Zeit hat sich mein Verhältnis zum Limmattal verändert. Und zwar ausschliesslich positiv. Mich dünkt, da wächst etwas heran beziehungsweise zu-sammen. Da passiert etwas, was in der Schweiz immer noch selten ist: Man plant und arbeitet angeregt und freundschaftlich über eine Kantonsgrenze hinweg. Man will Chancen packen und Auswüchse bekämpfen. Man strebt zielgerichtet eine Imagekorrektur an. „Man“ – das sind vorerst Behörden, Standortförderer, Planungsverbände.

Mir wird bewusst: Das Limmattal ist keine Problemregion, sondern eine Pionierregion.

Kürzlich bin ich auf die Website „Regionale 2025“ gestossen. Und staunte nicht schlecht. Mit Unterstützung von zwei Kantonen und 15 Gemeinden entlang der Limmat ist eine Projektorganisation entstanden, die sich als Motor für grenz-überschreitende Raumplanung und Entwicklung versteht. Fernziel ist eine Art „Limmattal-Expo“ im Jahr 2025. Aber auch die Privatwirtschaft ist länger schon aktiv: die von über 90 Aktionären getragene Limmatstadt AG hat sich der Förderung der Region verschrieben. Dazu hat sie unter anderem dieses Magazin lanciert, das Menschen und Geschichten aus der ganzen Region ins Zentrum stellt. Ab 2019 wird sie im Auftrag der Gemeinden die Rolle der kantonsübergreifenden Standortförderung wahrnehmen. Auch die Bevölkerung kann sich beteiligen: über Publikumsaktien. So kann jede und jeder ein Stück „Limmatstadt“ besitzen.

Aber ist das von diesen Organisationen angestrebte neue Bewusstsein auch schon in die Bevölkerung hineindiffundiert? Schwierig zu beurteilen. Eindrücklich jedenfalls: das überwältigende Volksmehr beim Urnengang über die Limmat-talbahn. Die Zürcher haben den Aargauern sämtliche Tram-Entwicklungs-perspektiven offengelassen.

Mir wird bewusst: Das Limmattal ist keine Problemregion, sondern eine Pionier-region. Ab sofort bin ich nicht mehr nur Badener und Aargauer, sondern auch Limmattaler. Aus Überzeugung. Denn wer will schon nicht dabei sein, wenn die Zukunft anfängt.

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Hans Fahrländer

Hans Fahrländer war Chefredaktor von "Badener Tagblatt" und "Aargauer Zeitung". Seit 2015 ist er pensioniert, schreibt aber noch Kolumnen für die AZ und die "Schweiz am Wochenende".