Titelbild des Artikel: Stadtwerdung einer Agglomeration

Stadtwerdung einer Agglomeration

Bild von Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer

Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer

TU Dresden (D), Architekt BSA / Stadtplaner in Zürich Jürg Sulzer studierte an der Hochschule der Künste und an der TU Berlin Architektur und Städtebau. Promotion 1977. Beim Berliner Bausenator war er als Stadtplaner tätig. Von 1983 bis 2004 Stadtplaner der Stadt Bern. 2004-2014 Professor für Stadtumbau und Stadtforschung an der TU Dresden und Leiter des Görlitz Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau. Seit 2009 Präsident der Leitungsgruppe Neue Urbane Qualität des Schweizerischen Nationalfonds. Im Zentrum seiner Tätigkeit stehen Fragen der integrierten Stadtentwicklung und des behutsamen Stadtumbaus.

Limmatstadt 2080 - Von der Siedlungsplanung zur Stadtwerdung

Behutsame Transformation heutiger Siedlungen zu einer sinnlich wahrnehmbaren und auf Raumgeborgenheit ausgerichtete Stadtwerdung der Agglomeration.

Wir schreiben das Jahr 2080 und blicken zurück. Die Siedlungen des Limmattals waren zu Beginn des 21.Jahrhunderts noch ganz der damals vorherrschenden Moderne des 20.Jahrhunderts verpflichtet. Auch wenn in den Fachdiskussionen jener Zeit stets eine besondere "Baukultur" gefordert wurde, waren in der Regel europaweit ähnliche und anonym wirkende Siedlungen entstanden. Gleichzeitig vermissten immer mehr Menschen in ihren Wohnorten der Agglomeration eine besondere Identität und sinnlich wahrnehmbare Raumgeborgenheit. Es war die Reaktion auf die damals einsetzende Globalisierung, die zunehmend das Leben der Bürger beeinflusste. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurden aus mehr oder weniger zufällig aneinander gereihter Siedlungen der Agglomeration Limmattal neue Stadteile und Stadtquartiere, die der Schönheit und Identitätsbildung verpflichtet sind.

Die Agglomeration Limmattal ist inzwischen Stadt geworden, die ihren Anfang mit der Umnutzung von Industriebrachen und in den 2010er Jahren der Bebauung des Rietparks (vgl. Abb. 1) in Schlieren und des Limmatfelds in Dietikon nahm. Bereits damals zeichnete sich der Beginn eines Stadtwerdungsprozesses ab, der erst viele Jahre später als ein wesentlicher Baustein auf dem langen Weg zu einer neuen Stadtbaukultur erkannt wurde. Inzwischen ist es selbstverständlich geworden, wenn wir von Dietikon-Nordstadt, Schlieren-Westend oder Spreitenbach-Neustadt sprechen. Die Identität, die diese neuen Stadtteile und Stadtquartiere ausstrahlen, vermitteln eine besondere Heimatverbundenheit für die Menschen in der ehemals anonym wirkenden Agglomeration. Dank vielfältig gestalteter Häuser und eines konsequenten Umbaus von Siedlungen der Moderne sind urbane Stadtquartiere entstanden, die weder Anonymität noch abweisende Modernität in sich tragen. Sie vermitteln Geborgenheit und Vertrautheit in einer globalisierten Welt. Die Stadtwerdung einer Agglomeration ist geglückt.

Abb.1: Übersichtsplan amRietpark, Schlieren - Ausgangspunkt der Stadtwerdung
Abb.1: Übersichtsplan amRietpark, Schlieren - Ausgangspunkt der Stadtwerdung

Was waren die auslösenden Momente?

Damals zu Beginn des 21.Jahrhunderts waren es insbesondere namhafte Architekten mit ihren Investoren, die auch in der Schweiz maßstabsprengende Hochhäuser aneinanderreihen wollten. Diese Entwicklung sollte weder durch bauhistorische Überlieferung noch durch gewachsene Grenzen von Gemeinden und Kantonen gehemmt werden. Trotz dieser damals stark auf Medienglanz ausgerichteten Design-Konzepte haben sich in den 2010er Jahren erste "Gegenbewegungen" herausgebildet. Es zeigte sich, dass die Angst der Bürger vor weiterer Anonymität und Verlust ihrer Heimat immer größer wurde und zu wachsender Skepsis gegenüber Großprojekten führte. So wurde denn auch, als Folge von Verunsicherung der Bürger, das an und für sich spannende Limmatstadt-Konzept zusammen mit der Limmattalbahn als Großprojekt kurzzeitig infrage gestellt.

Ein Umdenken hatte positive Folgen: Die rasche Realisierung der Limmattalbahn war das Ergebnis einer weitblickenden Zusammenarbeit privater Initiativen, der Politik, Stadtplanung, öffentlicher Raum- und Verkehrsplanung der beteiligten Gemeinden und Kantone. Die parallel verlaufende, inhaltliche Stärkung der Gemeindeautonomie hatte zu neuem Vertrauen und Zuversicht geführt. Zudem wurde erkannt, dass ein derartiges Innovationsprojekt, quasi flankierend und einer Perlenkette gleich, identitätsbildende Stadtteile und Stadtquartiere entlang der Limmattalbahn benötigte. Allen Beteiligten wurde klar, dass beispielsweise die Dietikoner-Südstadt mit ihren besonderen Stadtensembles und Stadtarchitekturen ebenso Heimatverbundenheit vermittelt wie das Schlierener-Westend. Mit dem Bau der Limmattalbahn in den 2020er Jahren hat sich denn auch rasch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Siedlungen mit ihren anonym wirkenden und weltweit ähnlich erscheinenden Glas-Betonkuben-Architekturen der Vergangenheit angehörten. Die Ensemblebildung und Raumgeborgenheit waren in den 2020er Jahren Kernthemen der Stadtwerdung der Agglomeration Limmatstadt.

Abb. 2: Siedlungen der 60er Jahre - Anonymität und Offenheit
Abb. 2: Siedlungen der 60er Jahre - Anonymität und Offenheit

Heute im Jahr 2080 bieten die einzelnen Stadtteile und Quartierensembles nach wie vor eine besondere Raumgeborgenheit und Identität. Anstelle ehemaliger Siedlungen der Moderne (vgl. Abb. 2) sind vielfältige und ganzheitliche Stadtteile geworden, ähnlich den damals beliebten Stadtquartieren des 19. Jahrhunderts. In diesen neuen Stadtteilen bildete sich eine große Nachfrage nach Wohnungen und besonderen Geschäftsräumen in bester öffentlicher Lage heraus (vgl. Abb. 3). Entlang der Limmattalbahn konnte man zeitweise von einer "zweite Gründerzeit" sprechen, in der kreative Stadtplaner vielfältige Stadtbaukonzepte entwickelten. Unzählige junge Architekten entwarfen raumbezogene Stadtensembles und Stadthäuser. Dank ihrer baulichen Kleinteiligkeit und gestalterischen Differenziertheit entstanden äußerst beliebte Stadtquartiere, die sich im Verlauf der Zeit veränderten Bedürfnissen behutsam anpassen konnten.

Abb. 3: Stadtumbau und Stadtwerdung schaffen Raumgeborgenheit und Identität
Abb. 3: Stadtumbau und Stadtwerdung schaffen Raumgeborgenheit und Identität

Was sagte die damalige Stadtbauforschung?

Das Nationale Forschungsprogramm Neue Urbane Qualität (NFP 65) des Schweizerischen Nationalfonds wurde 2014 abgeschlossen. Natürlich öffnete sich damals mit dem Thema "Urbanität" ein weites Feld des Diskurses. Aus den Ergebnissen des NFP 65 wurde aber rasch klar, dass der Fokus auf den Umbau der Agglomeration zu legen war, wenn das Land nicht weiter zersiedelt und das Wirtschaftswachstum nicht gehemmt werden sollte. Das kreative Anknüpfen an historisch überlieferte Stadtbaukonzepte des 18. und 19. Jahrhunderts führte zu einer neuen Verbundenheit der Menschen mit ihren Stadtquartieren. Die Stadtwerdung der Agglomeration wurde auch zum Synonym für die Innenentwicklung von Städten und Gemeinden in der Schweiz (vgl. Abb. 4).

Abb. 4: Fernbildidee - Stadtwerdung Dietikon-Südstadt 2080
Abb. 4: Fernbildidee - Stadtwerdung Dietikon-Südstadt 2080

Die praxisbezogene, private Initiative der "Limmatstadt AG" bildete Mitte der 2010er Jahre zusammen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit den Ausgangspunkt einer nachhaltigen Stadtwerdung der Agglomeration. Sie wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten für unzählige Agglomerationen im In- und Ausland zur beispielhaften Strategie eines geglückten Stadtumbaus, in dem die identitätsbildende Innenentwicklung und urbane Qualität von Stadtquartieren Vorrang hatten. Dabei zeigte sich, dass das wegleitende Kriterium der Raumgeborgenheit zu vielfältigen und lesbaren räumlichen Zusammenhängen im Stadtquartier führte und als Alternative zur damals vorherrschenden Anonymität, Offenheit und willkürlichen Aneinanderreihung von Bauten und Siedlungen galt. Stadtwerdung der Agglomeration wurde zur städtebaulichen Erfolgsgeschichte.

Literaturhinweis: Jürg Sulzer und Martina Desax, Stadtwerdung der Agglomeration

Abb. 2-4: Verfasser im Rahmen der Fernbilder zur Stadtwerdung der Agglomeration, NFP65: Han van de Wetering Atelier für Städtebau, Zürich

-------------------------------------

Weiterführender Link

Neue Zürcher Zeitung: Kampf dem gebauten Durcheinander

Bild von Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer

Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer

TU Dresden (D), Architekt BSA / Stadtplaner in Zürich Jürg Sulzer studierte an der Hochschule der Künste und an der TU Berlin Architektur und Städtebau. Promotion 1977. Beim Berliner Bausenator war er als Stadtplaner tätig. Von 1983 bis 2004 Stadtplaner der Stadt Bern. 2004-2014 Professor für Stadtumbau und Stadtforschung an der TU Dresden und Leiter des Görlitz Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau. Seit 2009 Präsident der Leitungsgruppe Neue Urbane Qualität des Schweizerischen Nationalfonds. Im Zentrum seiner Tätigkeit stehen Fragen der integrierten Stadtentwicklung und des behutsamen Stadtumbaus.