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Spreitenbach im Wandel

v.l.n.r. Cyrill Pape, Marco Weber, Kevin Zimmerli | Foto: Andy Müller

Text: Ursula Huber, Redaktorin "36 km"

Spreitenbach pulsiert: Es entstehen zahlreiche neue Wohnungen und Gewerbeflächen, ein Stadtpark ist in Planung, ein neues Kino ist bereits eröffnet. Ab 2022 wird die Limmattalbahn die Gemeinde anfahren, sie steht in Verbindung mit den geplanten Projekten. Die Meinungen der Bevölkerung zu diesen Veränderungen sind unterschiedlich. Hier äussern sich drei junge Spreitenbacher zum Wandel und der Zukunft ihres Wohnortes.

Cyrill Pape, 24 Jahre, Geschäftsführer Pape Werbe AG

"Im Limmattal verändert sich allgemein einiges, die Region boomt. Wichtig finde ich, dass sie zusammenhält und sich vernetzt."

"Vor rund einem Jahr bin ich mit meiner Partnerin nach Spreitenbach gezogen. Wir haben in der Region Limmattal eine neue Bleibe gesucht und in Spreitenbach eine schöne, zahlbare Wohnung gefunden. Ich schätze die zentrale Lage des Dorfes und die Nähe zur Autobahn. Meine Partnerin fährt nicht Auto, sie freut sich auf die Limmattalbahn. Auch kulinarisch und kulturell, zum Beispiel durch das Pathé Kino, ist das Angebot breit.

Das schlechte Image von Spreitenbach basiert auf Vorurteilen. Ich habe bisher nur nette Menschen kennengelernt! Die Bautätigkeit und auch das neue Kino verleihen dem Dorf einen positiven Schub. Ich sehe im Wachstum keine Nachteile. Die Urbanisierung bringt Neuzuzüger und damit frische Inputs, das wird sich auch auf das Image von Spreitenbach positiv auswirken. Im Limmattal verändert sich allgemein einiges, die Region boomt. Wichtig finde ich, dass sie zusammenhält und sich vernetzt."

Cyrill Pape

Wandel in Spreitenbach

In Spreitenbach tut sich einiges: Die Bauarbeiten der Limmattalbahn laufen auf Hochtouren, ab 2022 wird die Bahn den Betrieb aufnehmen. Das neue Multiplexkino ist eröffnet. Baugespanne künden die Wohn- und Gewerbeüberbauung Tivoli Garten an, dort entstehen 440 Wohnungen. Ein weiteres Projekt ist zwischen Shoppi Tivoli und altem Dorf geplant, die Überbauung Neumatt. Es sieht zwei rund 100 Meter hohe Doppelhochhäuser mit 500 Mietwohnungen vor. Auf einem weiteren Baufeld sollen 80 Eigentumswohnungen entstehen. Zu Neumatt gehören auch eine Esplanade, diverse Parks, Plätze und Wege. Zwischen Neumatt und dem Dorfkern möchte die Gemeinde Spreitenbach langfristig einen Stadtpark realisieren.


Marco Weber, 20 Jahre, Elektroplaner

"Wenn wir gute Steuerzahlerinnen und -zahler anziehen wollen, müssen wir uns jetzt ranhalten. Für sie braucht es attraktive Angebote, sonst geben sie anderen Gemeinden den Vorzug."

"Ich bin in Spreitenbach geboren und aufgewachsen und lebe sehr gerne hier. Ich schätze die gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, die Nähe des Shopping Centers. Auch die Wege ins Grüne, in den Wald oder an die Limmat sind kurz. Leider wird jeder negative Vorfall in Spreitenbach hochgespielt. Dabei sind es nur wenige, die sich daneben benehmen.

Die aktuellen Bauvorhaben schaffen qualitativ guten Wohnraum, der hat bis jetzt gefehlt. Spreitenbach wird und soll wachsen. In Zukunft wird der Druck von Zürich grösser werden, mehr Menschen werden im Limmattal Wohnraum suchen. Wenn wir gute Steuerzahlerinnen und -zahler anziehen wollen, müssen wir uns jetzt ranhalten. Für sie braucht es attraktive Angebote, sonst geben sie anderen Gemeinden den Vorzug."

Marco Weber

Kevin Zimmerli, 28 Jahre, Marketingleiter

"Die Veränderungen sind kurzfristig negativ spürbar, zum Beispiel im Verkehr, wegen der Baustellen. Langfristig wird neuer Wohn- und Lebensraum entstehen, der sich auch auf das Gewerbe positiv auswirken wird."

"Als 13-Jähriger bin ich mit meiner Familie von Dietikon nach Spreitenbach gezogen. Dieser Wechsel war nicht einfach, aber ich bin sehr gut aufgenommen worden und hatte eine schöne Jugend- und Schulzeit. Als Erwachsener habe ich einige Jahre in Turgi gewohnt, nun lebe ich seit gut zwei Jahren wieder in Spreitenbach. Mir gefällt die Mischung von Urbanität und Dorfcharakter. Es gibt hier ein Kino mit mehreren Sälen, das Shoppi, und das Dorf ist gut erschlossen. Ich bin aber auch schnell am Franzosenweiher oder an der Limmat.

Das negative Image von Spreitenbach stimmt so nicht, es wird medial aufgebauscht. Vorfälle, die sich hier ereignet haben, könnten auch in anderen Agglomerationen in der Schweiz vorkommen. Die negativen Klischees sind leider verankert. Ich nehme das Dorf anders wahr, ich finde es schön, hier zu wohnen. Spreitenbach ist eine innovative Gemeinde: Hier konnten Paare ohne Trauschein leben, als es im Kanton Zürich noch verboten war, hier ist das erste Einkaufszentrum der Schweiz entstanden.

Die Veränderungen sind kurzfristig negativ spürbar, zum Beispiel im Verkehr, wegen der Baustellen. Langfristig wird neuer Wohn- und Lebensraum entstehen, der sich auch auf das Gewerbe positiv auswirken wird. Die neuen Wohnungen werden gute Steuerzahlerinnen und -zahler aus Zürich anziehen, diese Entwicklung zeigt sich bereits in Schlieren. Und die geplanten Bauprojekte lassen den Dorfkern sowie die Erholungszonen intakt. Spreitenbach wird also auch in Zukunft urban und dörflich sein."

Kevin Zimmerli

Wachstum - mal rasch, mal moderat

Spreitenbach hat bereits zwischen 1960 und 1970 einen Wachstumsschub erfahren. Die Einwohnerzahl verdreifachte sich auf 6000, unter anderem wegen des Konkubinatverbots im Nachbarkanton Zürich. Viele unverheiratete Zürcher Paare zogen in dieser Zeit nach Spreitenbach. Die Vision einer Stadt für 35'000 Einwohner, wie es ein NZZ-Artikel beschreibt, wurde durch die Wirtschafts- und Ölkrise sowie das Nein des Stimmvolks zum Ausbau des Zürcher Verkehrsnetzes zunichte gemacht. 1981 setzte die Gemeinde mit der Revision der Bau- und Nutzungsordnung auf ein moderates Wachstum mit Ein- und Mehrfamilienhäusern.

Skizze Projekt Neumatt

Die Gemeindeversammlung hat am 14. Januar die Änderung der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) abgelehnt, die Voraussetzung für die Realisierung des Projekts Neumatt gewesen wäre. Mit 590 Nein- zu 327 Ja-Stimmen fiel das Resultat deutlich aus.

Beitrag "Schweiz aktuell" 15. Januar 2020.

Fotos: Andy Müller www.andymueller.ch