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«Stricken ist ein fantastisches Gebiet!»

Urs Landis alias "Herr Urs"

Hält die Bahn im Bahnhof Turgi, fällt einem der Schriftzug «Herr Urs» sofort auf. Wer ist Herr Urs? Was macht er? Im Dienstgebäude beim Gleis 1 wird gestrickt, gekettelt, vernäht und gedämpft. Herr Urs, vielmehr Urs Landis, stellt Strickwaren her und berücksichtigt dabei individuelle Wünsche. «Stricken ist ein fantastisches Gebiet», sagt er. Eine Serie zu jungen Macher*innen der Limmatstadt.

Stricken, so die landläufige Meinung, ist vor allem etwas für Frauen. Stimmt das?
Nein. So, wie ich dieses Handwerk betreibe, ist das eher ein Männerberuf.

Sie haben sich auf die Produktion von Prototypen, Musterungen und Kleinserien im Bereich Flachstrick spezialisiert. Sämtliche Produkte werden unter dem Label «Herr Urs» vom Design bis zum fertigen Strickteil in Ihrer eigenen Werkstatt produziert. Woher rührt Ihr Interesse an hochwertigen Strickwaren?
Da muss ich etwas ausholen. Ich habe in Geschäften immer wieder Marken-T-Shirts gesehen, die billig – etwa aus China – eingekauft, in der Schweiz dann aber überteuert verkauft wurden. Ist es denn nicht möglich, T-Shirts in der Schweiz zu produzieren mit Schweizer Materialien – das habe ich mich damals gefragt. Bloss: Wie macht man das? Ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Also erkundigte ich mich bei der Textilfachhochschule in Wattwil und begann dort als Quereinsteiger zu studieren.

Sie haben dann 2012 den Bachelor in «Fashion Design and Technology – Technology Major» mit Schwerpunkt Stricken gemacht.
Genau. In Wattwil machte ich Bekanntschaft mit Handflachstrickmaschinen und computergesteuerte Strickmaschinen. Von den Letzteren besitze ich heute drei Stück, die sich voneinander stark unterscheiden.

Herr Urs mit Faden
Foto: zvg

Also kann man mit diesen Maschinen ganz verschiedene Produkte herstellen?
Ja. Beispielsweise Schals, Kappen oder Pullover, die ich auf Bestellung und unter Berücksichtigung persönlicher Wünsche der Kunden herstelle. Ob fein oder etwas gröber: Man kann sich das von mir verwendete, möglichst nachhaltige Material – feine Merinowolle oder die etwas kratzigere Schweizer und Shetlandwolle – aussuchen. Für einen individuell hergestellten Pullover benötige ich etwa einen Tag.

Strickwaren von Herrn Urs: Mützen, Schal und Pullover
Foto: zvg

Das ist Haute Couture. Aber die ist wohl ziemlich teuer, oder?
Ein Pullover kostet zwischen 250 und 500 Franken. Es gibt aber auch nahtlose Pullover, die von der Maschine komplett gefertigt werden. Durch die Reduktion der Handarbeit sind diese dann etwas günstiger.

Diesen Betrag bezahlen die Kunden offenkundig, sonst würde es Herr Urs gar nicht geben.
Ja. Strickpullover, Kleider oder Mützen sollen langlebig sein, wobei es immer auf den Umgang mit ihnen ankommt. Mit meinen Produkten möchte ich einem kleinen, interessierten Publikum aber vor allem aufzeigen, wie viel dahinter steckt.

Streben Sie mit Ihrer Arbeit auch eine grössere Wertschätzung der Handarbeit für Bekleidung an?
Sicher. Die ist nämlich enorm zurückgegangen. Nun soll sie aber wieder stärker gewichtet werden. Das ist mir jedenfalls nicht nur für meine eigene Marke ein Anliegen, sondern grundsätzlich für alles handwerklich Hergestellte.


Urs Landis (34)
Der Turgemer fertigt mit edlen Garnen hochwertige Strickwaren in der Schweiz an. Nach der Lehre als Schriften- und Reklamegestalter übte er verschiedene Jobs aus. Von 2009 bis 2012 besuchte er die Textilfachschule in Wattwil. 2014 gründete er «Herr Urs», wo er als Stricker, Kettler, Dämpfer und Designer wirkt.

herrurs.ch


Weitere spannende Geschichten finden Sie unter Junge Macher*innen.

Bild von Elisabeth Feller

Elisabeth Feller

Redaktorin «36 km» - Das Magazin für die Limmatstadt und freischaffende Journalistin

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Elisabeth Feller

Redaktorin «36 km» - Das Magazin für die Limmatstadt und freischaffende Journalistin